Erst kündigte die Druckerei. Dann brannte die Halle.
Hannelore Brandt wollte das alte Kräuterwissen ihrer Familie vor dem Vergessen bewahren. Als sich ihr Buch immer weiter herumsprach, beendete die Druckerei plötzlich die Zusammenarbeit. Hannelore begann auf eigene Faust von vorn – bis wenige Wochen später die Halle brannte, in der sie ihre Bücher herstellte.
Als Hannelore Brandt an diesem Morgen vor der Halle stand, roch die Luft noch immer nach Rauch. Durch die zerbrochenen Fenster war kaum zu erkennen, was im Inneren übrig geblieben war. Der gemietete Produktionsdrucker und die Bindemaschine waren schwer beschädigt. Kartons, Papier und fast fertige Bücher lagen geschwärzt und vom Löschwasser aufgeweicht auf dem Boden.
Zwischen verkohlten und vom Löschwasser aufgeweichten Blättern erkannte Hannelore noch einzelne Überschriften. Viel mehr war von den fast fertigen Büchern nicht übrig.
„Da dachte ich zum ersten Mal: Vielleicht war es das“, erinnert sie sich.
Doch in diesem Moment wusste sie nicht, wie sie noch einmal von vorn anfangen sollte. Dabei hatte alles einige Jahre zuvor ganz unscheinbar begonnen.
Wie aus alten Familienaufzeichnungen ein Buch wurde
Hannelore hatte keinen Verlag, keine Mitarbeiter und kein großes Startkapital. Sie hatte einen kleinen Raum, kaum größer als eine Garage, einen gebrauchten Drucker und mehrere Kisten voller Aufzeichnungen.
Ein Teil davon stammte aus ihrer eigenen Familie. Ihr Vater hatte als Dorfapotheker im Allgäu gearbeitet. Viele Anwendungen und Rezepte waren über drei Generationen weitergegeben worden – in alten Heften, auf losen Zetteln oder schlicht aus dem Gedächtnis. Den Anfang machten diese Familienaufzeichnungen. Im Laufe der Jahre ergänzte Hannelore sie um Anwendungen aus weiteren Heiltraditionen, etwa Ayurveda und der Traditionellen Chinesischen Medizin, und ließ die einzelnen Hinweise anhand moderner Fachliteratur überprüfen.
Hannelore hatte früh verstanden, wie schnell solches Wissen verschwindet. Eine Zubereitung wird jahrelang in einer Familie verwendet. Dann erinnert sich irgendwann niemand mehr genau an die Menge. Eine Zutat wird vergessen. Ein handgeschriebener Zettel landet bei einem Umzug im Müll.
„Jeder dachte immer, jemand anderes würde es schon aufschreiben“, sagt sie. „Aber am Ende wusste keiner mehr genau, wie es gemacht wurde.“
Also begann sie selbst damit – nicht mit dem Plan, ein Geschäft aufzubauen, sondern nur, um die Aufzeichnungen für ihre Familie zu ordnen und zu erhalten. Manchmal saß sie bis spät in die Nacht in ihrem kleinen Raum. Wenn eine Seite schief eingezogen wurde, druckte sie sie noch einmal. Wenn eine Erklärung zu kompliziert klang, schrieb sie sie neu.
„Die Menschen sollten keine Kräuterkundigen sein müssen, um das Buch zu verstehen“, sagt sie. „Es sollte so einfach sein, dass man es aufschlägt und direkt weiß, was zu tun ist.“
„Niemand sucht nachts nach Baldrian“
Vor Hannelore liegt eines der wenigen Bücher, die nicht in der Halle gelagert waren. Sie schlägt es auf und legt es neben die Teekanne. Die Seiten bleiben von selbst offen – genau so hatte sie es sich für den täglichen Gebrauch vorgestellt.
„Niemand liegt nachts wach und denkt: Jetzt muss ich etwas über Baldrian lesen“, sagt Hannelore. „Man denkt: Ich kann nicht einschlafen.“
Deshalb ist das Buch nicht alphabetisch nach Pflanzen geordnet, sondern nach den Fragen, die Menschen im Alltag tatsächlich haben. Beim Durchblättern wird erst deutlich, wie umfangreich Hannelores Sammlung geworden ist. Fast 50 Alltagsthemen hat sie darin zusammengetragen – von Schlaf und Verdauung bis zu Atemwegen, Gelenken und Immunsystem. Dazu kommen 144 einfache Rezepte.
Warum sich das Buch so schnell herumsprach
Während unseres Gesprächs schneidet Hannelore eine Knoblauchzehe klein. Viele geben ihn sofort in die Pfanne. Hannelore lässt ihn nach dem Schneiden dagegen noch zehn Minuten liegen. Erst dann entwickle er seine wertvollen Inhaltsstoffe richtig, erklärt sie.
Später lässt sie grünen Tee nur wenige Minuten ziehen und gibt etwas Zitrone dazu. „Oft sind es solche Kleinigkeiten, die einen Unterschied machen“, sagt sie.
Solche kleinen Hinweise waren der Grund, weshalb die ersten Exemplare schnell innerhalb von Hannelores Bekanntenkreis weitergereicht wurden. Eine Freundin bestellte eines für ihre Schwester. Eine Leserin zeigte es ihrer Tochter. Andere wollten gleich zwei oder drei Bücher verschenken.
Bald kamen die Bestellungen nicht mehr nur aus ihrem Bekanntenkreis, sondern aus ganz Deutschland.
Ihre Enkelin wollte es genau wissen
Hannelore wollte das Familienwissen erhalten. Ihre Enkelin stellte jedoch eine entscheidende Frage: Welche der überlieferten Anwendungen lassen sich heute noch nachvollziehen?
Gemeinsam sichteten sie Fachliteratur und Untersuchungen. Ihre Enkelin half ihr dabei, die Quellen hinter den einzelnen Anwendungen zusammenzutragen und übersichtlich zu dokumentieren. Nicht jede Familienüberlieferung schaffte es in das fertige Buch. Einige Hinweise wurden verändert, andere ergänzt. Wo sich Anwendungen belegen ließen, wurden die Quellen nummeriert. Heute verweist das Buch auf 204 Quellen, die über einen QR-Code auch außerhalb des Buches eingesehen werden können.
Damit entstand etwas, das Hannelore in dieser Form selbst vermisst hatte: kein rein nostalgisches Hausmittelbuch, aber auch kein trockenes Fachlexikon, das nur für Experten verständlich ist.
Bald reichte der kleine Raum nicht mehr aus
Je mehr Menschen von dem Buch erfuhren, desto schwieriger wurde es für Hannelore, die Nachfrage allein zu bewältigen. An manchen Tagen stapelten sich die Bestellungen auf ihrem Tisch. Gleichzeitig konnte sie mit ihrer einfachen Ausstattung nur eine begrenzte Zahl von Exemplaren herstellen.
Schließlich fand sie eine Druckerei, die bereit war, die Produktion zu übernehmen. Für Hannelore war das zunächst eine enorme Erleichterung. Zum ersten Mal musste sie nicht jede Seite selbst drucken. Sie konnte sich wieder um die Inhalte kümmern, Fragen von Lesern beantworten und Fehler korrigieren. Die Zusammenarbeit funktionierte. Das Buch sprach sich weiter herum.
Dann erhielt Hannelore einen unerwarteten Anruf.
Die Druckerei wollte plötzlich nicht mehr weitermachen
Zunächst habe die Druckerei nur um ein Gespräch gebeten. Dann sei von Beschwerden, möglichen rechtlichen Problemen und „zu heiklen Formulierungen“ die Rede gewesen. Wenige Tage später wurde die Zusammenarbeit beendet. Wer sich beschwert hatte, erfuhr Hannelore nicht.
Sie bot an, Hinweise zu prüfen und missverständliche Stellen genauer zu formulieren. Das Buch enthielt ohnehin den klaren Hinweis, dass es keinen Arztbesuch ersetzt und natürliche Anwendungen verantwortungsvoll genutzt werden müssen. Doch die Entscheidung der Druckerei stand bereits fest.
„Es ging nicht einmal um ein bestimmtes Rezept“, sagt Hannelore. „Mir wurde nur gesagt, dass man das Buch nicht weiter drucken möchte.“
Sie hätte aufgeben können. Sie hätte Kapitel entfernen, das Buch stark kürzen oder die bereits vorhandenen Exemplare einfach abverkaufen können. Stattdessen suchte sie nach einer anderen Lösung.
Gemietete Geräte und ein Raum in einer alten Halle
Für eine eigene Druckanlage fehlte ihr das Geld. Also mietete Hannelore einen gebrauchten Produktionsdrucker, eine Bindemaschine und einen kleinen Bereich in einer Gewerbehalle. Es war keine große Buchproduktion. Der Raum war schlicht und bot kaum mehr Platz als nötig. Die Geräte mussten regelmäßig neu eingestellt werden, und Freunde und Familienmitglieder halfen beim Sortieren, Binden, Prüfen und Verpacken.
Hannelore war wieder dort angekommen, wo alles begonnen hatte: zwischen Papierstapeln, Kartons und unfertigen Büchern. Nur dass inzwischen deutlich mehr Menschen auf ihre Bestellungen warteten.
„Ich wollte niemandem etwas beweisen“, sagt sie. „Ich wollte nur nicht akzeptieren, dass die ganze Arbeit einfach verschwindet.“
Über Wochen entstand langsam ein neuer Vorrat. Dann kam der Anruf mitten in der Nacht.
Das Feuer zerstörte fast die gesamte Produktion
Als die Feuerwehr eintraf, hatte sich der Brand bereits durch große Teile der Halle ausgebreitet. Der Produktionsdrucker und die Bindemaschine wurden schwer beschädigt. Papier und Verpackungen verbrannten. Viele fertige Bücher wurden durch Feuer oder Löschwasser unbrauchbar.
Hannelore selbst blieb unverletzt. Doch finanziell bedeutete der Brand für sie beinahe das Ende. Die Geräte gehörten ihr nicht. Die Halle war nur gemietet. Ein großer Teil dessen, was sie über Monate aufgebaut hatte, war innerhalb einer Nacht verschwunden.
Die genaue Brandursache konnte nicht abschließend geklärt werden.
„Ich möchte niemandem etwas unterstellen“, sagt sie. „Aber natürlich fragt man sich, warum alles so gekommen ist.“
Einige Kartons standen bereits an einem anderen Ort
Nicht alle Bücher befanden sich in der Halle. Ein kleiner Teil der Auflage war bereits verpackt und für den Versand vorbereitet worden. Einige Kartons lagerten getrennt, weil der Platz in der Halle nicht ausgereicht hatte. Diese Exemplare haben den Brand überstanden.
Den Preis der verbliebenen Bücher wollte sie trotzdem nicht erhöhen. Schließlich ist derzeit unklar, ob und wann sie das Buch erneut produzieren kann.
„Das Buch war nie dafür gedacht, selten oder exklusiv zu sein“, sagt sie. „Es sollte benutzt werden.“
Die geretteten Exemplare gibt Hannelore nun direkt weiter. Der Erlös soll ihr dabei helfen, die Produktion eines Tages wieder aufzubauen.
Ein Buch, das auf dem Küchentisch bleiben soll
Hannelore blättert durch eines der geretteten Bücher und lässt es geöffnet neben der Teekanne liegen. „Genau da gehört es hin“, sagt sie. „Nicht hinten ins Regal.“
Einige Leser fragten Hannelore nach dem Brand, wie sie helfen könnten. Spenden möchte sie nicht annehmen. Die beste Hilfe sei, wenn die verbliebenen Bücher bei Menschen landen, die sie tatsächlich verwenden.
Was Hannelore jetzt noch bleibt
Eine neue Druckerei gibt es bislang nicht. Geblieben sind nur die Exemplare, die in jener Nacht an einem anderen Ort lagerten. Hannelore hofft, mit deren Verkauf irgendwann neu beginnen zu können.
„Sie wurden gemacht, um benutzt zu werden“, sagt sie und streicht über die aufgeschlagene Seite neben ihrer Teekanne. „Wenn dieses Wissen in anderen Familien weiterlebt, war die ganze Arbeit nicht umsonst.“
MEDIZINISCHER UND GESUNDHEITLICHER HINWEIS
Dieser Beitrag gibt persönliche Erlebnisse und traditionell überliefertes Wissen wieder. Die Inhalte dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei gesundheitlichen Beschwerden bitte einen Arzt oder Apotheker.
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