Erst kündigte die Druckerei. Dann brannte die Halle.
Hannelore Brandt wollte das alte Kräuterwissen ihrer Familie vor dem Vergessen bewahren. Als ihr Buch immer mehr Leser fand, begann eine Reihe von Ereignissen, die ihre kleine Produktion beinahe vollständig zerstörte.
Als Hannelore Brandt an diesem Morgen vor der Halle stand, roch die Luft noch immer nach Rauch. Durch die zerbrochenen Fenster war kaum zu erkennen, was im Inneren übrig geblieben war. Die gemietete Druckmaschine war zerstört. Kartons, Papier und fast fertige Bücher lagen schwarz und aufgeweicht auf dem Boden.
Zwischen verkohlten und vom Löschwasser aufgeweichten Blättern erkannte Hannelore noch einzelne Überschriften. Viel mehr war von den fast fertigen Büchern nicht übrig.
„Da dachte ich zum ersten Mal: Vielleicht war es das", erinnert sie sich.
Hannelore ist keine Frau, die schnell aufgibt. Doch in diesem Moment wusste sie nicht, wie sie noch einmal von vorn anfangen sollte. Dabei hatte alles einige Jahre zuvor ganz unscheinbar begonnen.
Wie aus alten Familienaufzeichnungen ein Buch wurde
Hannelore hatte keinen Verlag, keine Mitarbeiter und kein großes Startkapital. Sie hatte einen kleinen Raum, kaum größer als eine Garage, einen gebrauchten Drucker und mehrere Kisten voller Aufzeichnungen.
Ein Teil davon stammte aus ihrer eigenen Familie. Ihr Vater hatte als Dorfapotheker im Allgäu gearbeitet. Viele Anwendungen und Rezepte waren über drei Generationen weitergegeben worden – in alten Heften, auf losen Zetteln oder schlicht aus dem Gedächtnis. Den Anfang machten diese Familienaufzeichnungen. Im Laufe der Jahre ergänzte Hannelore sie um Anwendungen aus weiteren Heiltraditionen, etwa Ayurveda und der Traditionellen Chinesischen Medizin, und ließ die einzelnen Hinweise anhand moderner Fachliteratur überprüfen.
Hannelore hatte früh verstanden, wie schnell solches Wissen verschwindet. Eine Zubereitung wird jahrelang in einer Familie verwendet. Dann erinnert sich irgendwann niemand mehr genau an die Menge. Eine Zutat wird vergessen. Ein handgeschriebener Zettel landet bei einem Umzug im Müll.
„Jeder dachte immer, jemand anderes würde es schon aufschreiben", sagt sie. „Aber am Ende wusste keiner mehr genau, wie es gemacht wurde."
Also begann sie selbst damit – nicht mit dem Plan, ein Geschäft aufzubauen, sondern nur, um die Aufzeichnungen für ihre Familie zu ordnen und zu erhalten. Manchmal saß sie bis spät in die Nacht in ihrem kleinen Raum. Wenn eine Seite schief eingezogen wurde, druckte sie sie noch einmal. Wenn eine Erklärung zu kompliziert klang, schrieb sie sie neu.
„Die Menschen sollten keine Kräuterkundigen sein müssen, um das Buch zu verstehen", sagt sie. „Es sollte so einfach sein, dass man es aufschlägt und direkt weiß, was zu tun ist."
„Niemand sucht nachts nach Baldrian"
Vor Hannelore liegt eines der wenigen Bücher, die nicht in der Halle gelagert waren. Sie schlägt es auf und legt es neben die Teekanne. Die Seiten bleiben von selbst offen – genau so hatte sie es sich für den täglichen Gebrauch vorgestellt.
„Niemand liegt nachts wach und denkt: Jetzt muss ich etwas über Baldrian lesen", sagt Hannelore. „Man denkt: Ich kann nicht einschlafen."
Deshalb ist das Buch nicht alphabetisch nach Pflanzen geordnet, sondern nach den Fragen, die Menschen im Alltag tatsächlich haben. Beim Durchblättern wird erst deutlich, wie umfangreich Hannelores Sammlung geworden ist. Fast 50 Alltagsthemen hat sie darin zusammengetragen – von Schlaf und Verdauung bis zu Atemwegen, Gelenken und Immunsystem. Dazu kommen 144 einfache Rezepte.
Warum sich das Buch so schnell herumsprach
Während unseres Gesprächs schneidet Hannelore eine Knoblauchzehe klein. Viele geben ihn sofort in die Pfanne. Hannelore lässt ihn nach dem Schneiden dagegen noch zehn Minuten liegen. Erst dann entwickle er seine wertvollen Inhaltsstoffe richtig, erklärt sie.
Später lässt sie grünen Tee nur wenige Minuten ziehen und gibt etwas Zitrone dazu. „Oft sind es solche Kleinigkeiten, die einen Unterschied machen", sagt sie.
Solche kleinen Hinweise waren der Grund, weshalb die ersten Exemplare schnell innerhalb von Hannelores Bekanntenkreis weitergereicht wurden. Eine Freundin bestellte eines für ihre Schwester. Eine Leserin zeigte es ihrer Tochter. Andere wollten gleich zwei oder drei Bücher verschenken.
Bald kamen die Bestellungen nicht mehr nur aus dem Allgäu. Pakete gingen nach Hamburg, Köln, Berlin und schließlich sogar ins Ausland.
Ihre Enkelin wollte es genau wissen
Hannelore wollte das Familienwissen erhalten. Ihre Enkelin stellte jedoch eine entscheidende Frage: Welche der überlieferten Anwendungen lassen sich heute noch nachvollziehen?
Gemeinsam sichteten sie Fachliteratur und Untersuchungen. Ihre Enkelin half ihr dabei, die Quellen hinter den einzelnen Anwendungen zusammenzutragen und übersichtlich zu dokumentieren. Nicht jede Familienüberlieferung schaffte es in das fertige Buch. Einige Hinweise wurden verändert, andere ergänzt. Wo sich Anwendungen belegen ließen, wurden die Quellen nummeriert. Heute verweist das Buch auf 204 Quellen, die über einen QR-Code auch außerhalb des Buches eingesehen werden können.
Damit entstand etwas, das Hannelore in dieser Form selbst vermisst hatte: kein rein nostalgisches Hausmittelbuch, aber auch kein trockenes Fachlexikon, das nur für Experten verständlich ist.
Dann wurde die Garage zu klein
Je mehr Menschen von dem Buch erfuhren, desto schwieriger wurde es für Hannelore, die Nachfrage allein zu bewältigen. An manchen Tagen stapelten sich die Bestellungen auf ihrem Tisch. Gleichzeitig konnte sie mit ihrer einfachen Ausstattung nur eine begrenzte Zahl von Exemplaren herstellen.
Schließlich fand sie eine Druckerei, die bereit war, die Produktion zu übernehmen. Für Hannelore war das zunächst eine enorme Erleichterung. Zum ersten Mal musste sie nicht jede Seite selbst drucken. Sie konnte sich wieder um die Inhalte kümmern, Fragen von Lesern beantworten und Fehler korrigieren. Die Zusammenarbeit funktionierte. Das Buch sprach sich weiter herum.
Dann erhielt Hannelore einen unerwarteten Anruf.
Die Druckerei wollte plötzlich nicht mehr weitermachen
Zunächst habe die Druckerei nur um ein Gespräch gebeten. Dann sei von Beschwerden, möglichen rechtlichen Problemen und „zu heiklen Formulierungen" die Rede gewesen. Wenige Tage später wurde die Zusammenarbeit beendet. Wer sich beschwert hatte, erfuhr Hannelore nicht.
Sie bot an, Hinweise zu prüfen und missverständliche Stellen genauer zu formulieren. Das Buch enthielt ohnehin den klaren Hinweis, dass es keinen Arztbesuch ersetzt und natürliche Anwendungen verantwortungsvoll genutzt werden müssen. Doch die Entscheidung der Druckerei stand bereits fest.
„Es ging nicht einmal um ein bestimmtes Rezept", sagt Hannelore. „Mir wurde nur gesagt, dass man das Buch nicht weiter drucken möchte."
Sie hätte aufgeben können. Sie hätte Kapitel entfernen, das Buch stark kürzen oder die bereits vorhandenen Exemplare einfach abverkaufen können. Stattdessen suchte sie nach einer anderen Lösung.
Eine gemietete Maschine und ein Raum in einer alten Halle
Für eine eigene Druckanlage fehlte ihr das Geld. Also mietete Hannelore eine Maschine und einen kleinen Bereich in einer Gewerbehalle. Es war keine moderne Buchproduktion. Der Raum war kalt, die Beleuchtung schlecht und die Maschine musste immer wieder neu eingestellt werden. Freunde und Familienmitglieder halfen beim Sortieren, Prüfen und Verpacken.
Hannelore war wieder dort angekommen, wo alles begonnen hatte: zwischen Papierstapeln, Kartons und unfertigen Büchern. Nur dass inzwischen deutlich mehr Menschen auf ihre Bestellungen warteten.
„Ich wollte niemandem etwas beweisen", sagt sie. „Ich wollte nur nicht akzeptieren, dass die ganze Arbeit einfach verschwindet."
Über Wochen entstand langsam ein neuer Vorrat. Dann kam der Anruf mitten in der Nacht.
Das Feuer zerstörte fast die gesamte Produktion
Als die Feuerwehr eintraf, hatte sich der Brand bereits durch große Teile der Halle ausgebreitet. Die Druckmaschine wurde zerstört. Papier und Verpackungen verbrannten. Viele fertige Bücher wurden durch Feuer oder Löschwasser unbrauchbar.
Hannelore selbst blieb unverletzt. Doch finanziell bedeutete der Brand für sie beinahe das Ende. Die Maschine gehörte ihr nicht. Die Halle war nur gemietet. Ein großer Teil dessen, was sie über Monate aufgebaut hatte, war innerhalb einer Nacht verschwunden.
Die genaue Brandursache konnte nicht abschließend geklärt werden.
„Ich möchte niemandem etwas unterstellen", sagt sie. „Aber natürlich fragt man sich, warum alles so gekommen ist."
Einige Kartons standen bereits an einem anderen Ort
Nicht alle Bücher befanden sich in der Halle. Ein kleiner Teil der Auflage war bereits verpackt und für den Versand vorbereitet worden. Einige Kartons lagerten getrennt, weil der Platz in der Halle nicht ausgereicht hatte. Diese Exemplare haben den Brand überstanden.
Hannelore hätte sie zu einem höheren Preis verkaufen können. Schließlich ist derzeit unklar, ob und wann sie das Buch erneut produzieren kann. Das wollte sie nicht.
„Das Buch war nie dafür gedacht, selten oder exklusiv zu sein", sagt sie. „Es sollte benutzt werden."
Sie möchte die verbliebenen Exemplare nun an die Menschen weitergeben, die bereits danach gefragt hatten – und an jene, die das alte Wissen ebenfalls in ihrer Familie erhalten möchten. Der Erlös soll ihr dabei helfen, irgendwann wieder unabhängig drucken zu können.
Ein Buch, das auf dem Küchentisch bleiben soll
Hannelore blättert noch einmal durch die gerettete Ausgabe. Eine Seite zeigt Kräuter und Lebensmittel, die traditionell zur Unterstützung des Schlafs verwendet werden. Auf der nächsten stehen konkrete Rezepte mit Zutaten und Zubereitung. Weiter hinten folgen Kapitel zu Verdauung, Haut, Gelenken, Atemwegen und Immunsystem.
Hannelore schließt das Buch nicht. Es bleibt geöffnet neben der Teekanne liegen.
„Genau da gehört es hin", sagt sie. „Nicht hinten ins Regal."
Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl selbst: nachts wach liegen und nicht genau wissen, wo man anfangen soll. Oder eine Erkältung, bei der man nur noch die Hausmittel der eigenen Großmutter im Kopf hat – ohne mehr die genaue Zubereitung zu kennen. Genau für diese Momente ist das Buch gedacht: aufschlagen, die passende Seite finden, loslegen.
Nachrichten, die Hannelore nach dem Brand erreichten
Nachdem einige Leser von dem Feuer erfahren hatten, erhielt Hannelore zahlreiche Nachrichten.
Hannelore möchte keine Spenden sammeln. Sie sagt, die beste Hilfe sei, wenn die verbliebenen Bücher bei Menschen landen, die sie wirklich verwenden.
Was Hannelore jetzt noch bleibt
Eine neue Druckerei gibt es bislang nicht. Auch eine weitere Maschine kann Hannelore derzeit nicht finanzieren. Geblieben sind nur die Bücher, die in jener Nacht bereits an einem anderen Ort standen. Sie gibt diese Exemplare nun direkt ab – in der Hoffnung, mit den Einnahmen irgendwann neu beginnen zu können.
„Sie wurden gemacht, um benutzt zu werden", sagt sie und streicht über die aufgeschlagene Seite neben ihrer Teekanne. „Wenn dieses Wissen in anderen Familien weiterlebt, war die ganze Arbeit nicht umsonst."
MEDIZINISCHER UND GESUNDHEITLICHER HINWEIS
Dieser Beitrag gibt persönliche Erlebnisse und traditionell überliefertes Wissen wieder. Die Inhalte dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei gesundheitlichen Beschwerden bitte einen Arzt oder Apotheker.
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